My Story

New York,  Jan.1997

Meine erste  Begegnung mit dem Chor der Wayside-Baptist-Church werde ich nie vergessen.  Mit drei verschiedenen U-Bahnen fahre ich von Alphabet-City (Manhattan) zum  Broadway in Brooklyn. Jonathan hat versprochen, mich von der U-Bahn abzuholen.  Ich dachte, vielleicht weil der Weg zu lang oder so kompliziert ist. Die drei  Ecken hätte ich mir doch noch merken können. ‘Next time I’ll find it on my own.  It’s only around three corners’.’˜Three corners, ten fights! Don’t you know what  part of Brooklyn you’re in?’, so seine Antwort. Das weiß ich allerdings nicht!  Ich befinde mich im 'einzigen Viertel von New York, in dem ich noch ermordet  werden könnte'. Wie ernst es ihm ist, merke ich, als wir die Kirche betreten.  Alle Chormitglieder stehen im Kreis und beten für die sichere Ankunft der noch  fehlenden Mitglieder. - So lange, bis alle da sind. Die Gebete sind Lieder. Mir  fällt kein anderer Ausdruck als 'beseelt' ein. Beseelt vom Willen, Gutes zu tun;  vom Wunsch für das Glück der Menschen. Beseelt von der Liebe. Alle heißen mich  mit offenen Armen willkommen. 'Sister Simon, who came all the way from Germany  to sing the gospel’ bekomme ich zu hören. Unbegreiflich für sie, dass ich so  weit gereist bin, um mit ihnen zu singen.

Chor-Probe am Abend. Niemand liest  Noten. Ein neues Lied: Die Texte werden auf einen Zettel geschrieben, Melodien  merkt sich jeder einfach so. Den Text der letzten Woche braucht heute schon  keiner mehr. Obwohl der Chor aus Laien besteht, lernen alle innerhalb kürzester  Zeit neue Melodien, neue Texte und passende Bewegungen. Sie singen mit  wirklicher Hingabe. In der Wayside-Baptist-Church steht auch ein  Krankenhaus-Bett. Mit allem ausgestattet. Es sind mehrere Krankenschwestern in  der Gemeinde, die sich um die Kranken kümmern, die sich keine Gesundheit leisten  können. Allmählich verstehe ich, warum die Gospelmusik hier so durchdrungen ist  von Licht. Sie ist ehrlich, schämt sich nicht, ist voller Vertrauen auf das  Gute. ‘I once was lost, but now I’m found, was blind but now I see’. Der  verlorene Sohn wird mit offenen Armen empfangen, der Sünder betrauert, nicht  verdammt. - Das Leben ist nicht kompliziert.

Das andere NY. In den U-Bahnen betteln  Menschen, die außer Löchern nicht viel am Leib tragen, es ist Januar und kalt.  Ich werde aufgefordert, Geld zu geben, gebeten, angefleht. Sie weinen, fluchen,  sind apathisch. Sie haben sich so eingerichtet in ihrem Elend, dass sie  Matratzen unter Dachvorsprünge legen. - Ihr Zuhause. Die New Yorker haben sich  längst daran gewöhnt, geben selten und wenig - wer kann sie alle schützen? Ich  nehme mir vor, erfolgreich zu werden, um mich nie wieder so ohnmächtig zu  fühlen.
Am Times Square dann etwas völlig anderes, ein einzigartiges Bild.  Was für ein Anblick aus dem 34. Stock auf die Spätdämmerung im Central-Park und  über das nördliche Manhattan. Die Arbeitszeiten fallen schon in die Dunkelheit.  Ein Lichtermeer; New York ist ein Nachtmensch - ich auch. Abends besuche ich,  wenn eben möglich, Konzerte. Letzte Woche war Les Paul im ‘Iridium’, einem  Jazz-Club in Manhattan. Les Paul ist sehr humorvoll und mit so viel Spaß bei seiner Musik. Er gibt hier wöchentlich Konzerte. Nach dem Auftritt begrüsse ich  ihn kurz.
Eine lebende Legende, er bekommt einen Kuss, weil ich sehr von  seiner Erfindung der Mehrspur-Aufnahmetechnik profitiere. Oft weiß ich nicht, wo  ich zuerst hingehen soll. Allein im ‘Sidewalk’, einem anderen Club, spielen an  den meisten Abenden bis zu sechs verschiedene Künstler. Ohne meine liebe  Freundin Kathi wäre ich bei dieser Fülle von Konzerten absolut verloren. Sie  kann wenigstens am Veranstaltungsort erkennen, welche Musik gespielt wird. Aber  von den meisten Bands hat auch sie noch nie gehört und sie lebt schon lange  Jahre hier.

Kirche am  Sonntag. Reverend Sayles, der Vater von Jonathan und Gordon (die Chorleiter  der Wayside-Baptisten), hat seine eigene Kirche. Die beiden sagen, er kann sie  allein durch seine Verwandtschaft füllen. Die Messe geht über zwei Stunden und  ist eine einzige ‘Party’. Papa Sayles singt seine Predigt mehr als dass er  spricht. Der Chor singt nicht allein, sondern die ganze Gemeinde steht und singt  mit. Alle klatschen und manche schlagen die größten Klanghölzer, die ich je  gesehen habe. Sie haben die Größe von Backsteinen.
Das kleine Kind vor mir  wird unruhig. Die Nachbarin der Mutter streckt ihre Arme aus, um sie zu nehmen,  und die Abwechslung scheint für die Kleine spannend zu sein. Als ich eine halbe  Stunde später wieder hinsehe, ist die Kleine schon bis ans Bankende gewandert  und wird gerade eine Reihe weiter nach vorn gereicht. Sie hat schon lange keinen  Mucks mehr von sich gegeben. Nach der Messe wird gemeinsam gegessen. Alle  zusammen. Hier treffe ich Gordon wieder, den ich seit meiner Ankunft noch nicht  gesehen habe. Jetzt lerne ich auch seine Frau und seine zwei kleinen Kinder  kennen. Heute feiern wir zwei Geburtstage. Die 7-jährige, die zur Feier des  Tages viele bunte Bänder in den Zöpfchen trägt, hat schon alle Geschenke  ausgepackt. Jetzt will sie so oft wie möglich mit auf's Foto.
Aus dem  Jugendchor werde ich von einem etwa 14-jährigen Jungen angesprochen. Er fragt  mich etwas schüchtern und voller Bewunderung, wie weit Deutschland denn entfernt  sei; und - ‘what is Germany like?’ Wenn ich das so schnell beantworten könnte.  Deutschland scheint mir wirklich sehr weit weg.

Chor-Probe. Mir  fällt plötzlich auf, dass auch ein Schlagzeug zu hören ist. Bisher haben wir  doch immer ohne Schlagzeuger geprobt. Aber ja, wie von Geisterhand bewegen sich  die Becken. Ein vierjähriger Junge kommt schließlich grinsend hervor. Einige  Minuten später rennt er wieder mit leuchtenden Augen zurück und spielt weiter.  Weil es diesmal nicht so gut groovt wie vorhin, geht eine Sängerin zu ihm rüber  und zeigt ihm, was er spielen kann, damit es besser zum Song passt. - Ich hatte  schon befürchtet, sie wolle ihm das Spielen verbieten, aber das habe ich hier  nur sehr selten erlebt. Etwa als spielende Kinder hinter die Seilabsperrung in  den Altarraum wollten. Ein Privileg, allein für den Reverend.
Wenn ich  während der Proben an die frische Luft will, werden mindestens ein, meistens  zwei Begleiter zu meinem Schutz mitgeschickt. Ich gewöhne mir das  Frische-Luft-Schnappen schnell ab, als sie ihren alten ‘Onkel’ mitschicken  wollen. Der arme Kerl ist über siebzig Jahre alt und hat gerade geschlafen! Als  ich danach einmal alleine gehe, flüchte ich schon nach zwei Minuten zurück in  die sichere Kirche. Gegenüber kommt eine Strassengang direkt auf mich zu. Die  Kirche ist zwar eingezäunt, aber mir ist ganz schön mulmig.

Konzert am  Samstag. Abends in der Kirche von Reverend Sayles. Sie haben schon um  19.00 Uhr angefangen, ich schaffe es leider erst um 20.30 Uhr. Das Programm  umfasst alles von der Band bis zum Kinderchor. Jonathan’s Frau und ihre  Schwester singen ein Duett. Jonathan hat mich gebeten, ‘His Eye Is On The  Sparrow’ zu singen - sehr gerne. Dieses Stück habe ich hier lieben gelernt. Nach  der ersten Zeile bekomme ich schon Antworten aus der ersten Reihe. ‘Praise the  Lord!’, ˜yes, sister’, ‘Halleluja’. Von allen werde ich durch mein Lied  getragen, es gibt ihnen Hoffnung und Kraft. Sister Simon came all the way from  Germany to sing the gospel. Aber ich singe nicht allein, hier ‘werde ich  gesungen’.

Von heute an werde ich dieses Lied in Gedanken an Euch singen,
wundervolle Menschen, deren  Stimmen ich immer dabei hören kann.

Kontakt: info(at)fantastmusic.de

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